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Ausgewählte Beispiele von jurassischen Kieselsedimenten in den Berchtesgadener Kalkalpen
MISSONI, S.
Montanuniversität Leoben, Institut für Geowissenschaften: Prospektion und Angewandte Sedimentologie, Peter-Tunner-Straße 5, A-8700 Leoben
Bisher wurden die Kieselsedimente in den Bechtesgadener Kalkalpen mit ihren polymikten Brekzienkörpern stratigraphisch den Tauglbodenschichten zugeordnet (DIERSCHE 1980, BRAUN 1998). Neuerdings konnte für die Kieselsedimente im Bereich der Berchtesgadener Kalkalpen eine mehrphasige Radiolaritbeckenbildung (später Mittel- bis Ober-Jura) nachgewiesen werden und dabei den einzelnen aus den Nördlichen Kalkalpen bekannten Radiolarit-becken zugeordnet werden: Einerseits treten Becken auf, die von Süden nach Norden (nach heutiger geographischer Orientierung) immer jünger werden und als Tiefseegräben im Vorfeld von Deckenstirnen i. S. von GAWLICK et al. (1999) gebildet wurden (Lammer Becken im Süden: tieferes Callovium bis ?Ober-Oxfordium; Tauglboden Becken im Norden: höchstes Oxfordium bis Unter-Tithonium) und andererseits treten Radiolaritbecken im Bereich der älteren Becken auf, die im Zuge der weiteren Einengung und der weiteren tektonischen Verkürzung im Bereich der ersten, älteren, Becken, die z. T. den Untergrund der oberjurassi-schen Flachwasserkarbonatplattformen bilden, neu entstanden sind (Sillenkopf Becken: Kimmeridgium und jünger) (MISSONI et al. 2001).
Torrener-Joch-Zone
Im Bereich der Torrener-Joch-Zone wurden die Kieselsedimente des Büchsenkopfes mit den
darin einsedimentierten Brekzienkörpern auf Oxfordium datiert. Aufgrund des
Komponentenbestandes (Pötschenkalke und Pedataschichten - Ober-Trias bis Lias) konnte
damit die Torrener-Joch-Zone als westliche Fortsetzung des Lammer Beckens erkannt werden.
Bei den hier auftretenden Kieselsedimenten, die die Matrix der Brekzienkörper und
Gleitschollen darstellen, handelt es sich somit um Strubbergschichten und nicht um
Tauglbodenschichten (JANAUSCHEK et al. 1999).
Das "Gschirrkopffenster"
Die Zuordnung der einzelnen mergelreichen bis kieseligen Serien des
"Gschirrkopffensters" nördlich von Berchtesgaden schwankt bisher zwischen Lias
und Ober-Jura bis Unter-Kreide (vgl. RISCH 1993). Neuere Untersuchungen zeigen, daß im
Süden des Gschirrkopfes eine vollständige Abfolge von der Ober-Trias bis in das
Oxfordium aufgeschlossen ist (MISSONI et al. 2001): Über gebanktem Dachsteinkalk in
lagunärer Fazies folgen liassische Rotkalke in Adneter Fazies (Klauskalk konnte nicht
nachgewiesen werden), darüber schwarze bis rötlich-violette Kieselkalke und Radiolarite
des Callovium bis Unter-Oxfordium. Diese Serie fällt nach Norden unter die pelagischen
Kieselkalke und Kieseldolomite aus dem Zlambach-Faziesraum (Zwieselalm-Fazies; proximale
Pötschenschichten) ein. Diese Serie liegt sedimentär auf dem schwarzen Radiolarit. Die
im Osten auftretenden kieseligen Dolomite im Gerner Bach (Langobard bis Jul) und die im
Westen im Hangenden der Radiolarite aufgeschlossenen grauen und undeutlich gebankten
Dolomite (Illyr bis Fassan) gehören nicht mehr zu den Pötschenschichten des
"Gschirrkopffensters". Sie stellen die tektonische Basis der Berchtesgadener
Einheit i. e. S. dar. Durch diese Datierungen konnte hiermit auch zum ersten Mal belegt
werden, daß hier die Basis der Berchtesgadener Einheit nicht aus lagunärem bis riffnahem
Ramsau Dolomit (= Wetterstein Dolomit) besteht, sondern aus Raminger Dolomit bzw.
Reiflinger Dolomit, im Liegenden z. T. auch Steinalm Dolomit.
Somit ist das "Gschirrkopffenster" als westliche Fortsetzung des Lammer Beckens
zu verstehen, d. h. es handelt sich hierbei um eine Strubbergschichten Abfolge. Das
"Gschirrkopffenster" ist damit der nördliche Teil der Hallein-Berchtesgaden
Hallstätter Zone und somit von dieser nicht zu trennen.
Diverse Mergel, Kieselkalke und Kieselschiefer
Viele Mergel, Kieselkalke und Kieselschiefer wurden bisher entweder den Zlambachschichten,
Allgäuschichten, Fleckenmergel oder den Tauglbodenschichten zugeordnet. Neuere
Untersuchungen belegen ein Unter-Lias Alter und eine Herkunft dieser Sedimente aus dem
Hallstätter Fazieraum (GAWLICK et al. 2001). Im unteren und mittleren Hettangium
dominiert wie im Rhät im Bereich des Hallstätter Faziesraumes noch eine mergelige
Sedimentation. Im höheren Hettangium bzw. vom Hettangium/Sinemurium Grenzbereich an wird
diese Sedimentation zunehmend kieseliger bzw. kalkiger und es werden dünn gebankte oft
kieselige Biomikrite abgelagert. Im Sinemurium werden Kieselorganismen häufiger, so daß
die Sedimente zunehmend kieseliger werden und es zur Ablagerung von Kieselkalken kommt.
Diese Abfolge wird Dürrnberg Formation bezeichnet (GAWLICK et al. 2001). In diese
Formation wird die von KOLLMANN (1963) in MEDWENITSCH (1963) beschriebene und mit Hilfe
von Ostracoden als Unter-Hettangium datierte Jakobbergserie eingegliedert, die im
Hangenden der Zlambachschichten auftritt. Ebenso die von RAKUS (1999) als
Zlambachschichten des Hettangium beschriebenen Vorkommen östlich von Bad Goisern und die
im Hangenden davon auftretenden und bisher undatierten Allgäuschichten.
Durch den Nachweis von lithofaziell gleichartigen und lithostratigraphisch gleichalten
Gesteinen im Bereich der Torrener-Joch-Zone (Komponenten in Brekzienkörpern, die in
Strubbergschichten eingelagert sind) und der Hallein - Berchtesgadener Hallstätter Zone
(Schollen) konnte gleichzeitig indirekt der Nachweis erbracht werden, daß die
Hallstätter Gesteine der Umrahmung der Berchtesgadener Decke bereits im höheren
Callovium bis unteren Oxfordium Platz genommen haben, da in den Nördlichen Kalkalpen
bisher an allen untersuchten Lokalitäten die Platznahme der kleinkomponentigen
Brekzienkörper der Platznahme größerer Gleitkörper vorausgeht (GAWLICK 1996, GAWLICK
2000 - cum lit.).
Nordrand des Steinernen Meeres
Die Analyse von Brekzienkörpern, die in den Kieselsedimenten am Nordrand des Steinernen
Meeres und des Hagengebirges (Sillenköpfe, Gotzenalm, Abwärtsgraben, Fillingalm)
auftreten, zeigt, daß von einer mehrfachen Entstehung von Tiefwasserablagerungsräumen
(Radiolaritbecken) ausgegangen werden kann.
An der Basis des Profiles der Sillenkopf-Formation (MISSONI et al. 2001) treten zuerst
laminierte, radiolarienführende Kieselkalke und schwarze, massige Radiolarite auf. Einige
Meter darüber schalten sich die ersten Detritusbänke mit Flachwasserkarbonatkomponenten
ein, die im Hangenden in Feinbrekzien übergehen. Es dominiert in diesen Feinbrekzien, die
stratigraphisch Ober-Kimmeridgium sind, Flachwasserdetritus. Vereinzelt treten Sandstein-
und Haselgebirgskomponenten auf. Dazu kommen einzelne Komponenten der Hallstätter
Graufazies (Pötschenschichten i. w. S.) die mit Hilfe von Conodonten stratigraphisch in
das Ober-Ladin und Unter-Karn eingestuft werden konnten. Darüber folgen wieder
laminierte, radiolarienführende Kieselsedimente, in die geringmächtige Turbidite aus
Flachwassermaterial eingeschaltet sind. Gegen das Hangende hin schalten sich
Grobbrekzienlagen ein, die aufgrund der enthaltenen Fauna in den Klasten Ober-Kimmeridgium
oder jünger sind. Neben den dominierenden Flachwasserkomponenten treten hier Komponenten
aus Pötschenkalk und -dolomit, Haselgebirge, Kristallinkomponenten, Sandsteine, Klaus
Kalke, u. a. ein Protoglobigerinen Kalk aus dem Dogger, metamorphe und magmatische Quarze
und Radiolarite (schwarzer Radiolarit) sowie auch Dachsteinkalke auf. Anhand von
Conodonten und der litho- und mikrofaziellen Charakteristika der Komponenten konnte eine
vollständige Pötschenschichtenfolge vom Jul bis in das Sevat rekonstruiert werden. Diese
Grobbrekzie wird wieder von gut gebankten, feinlaminierten Kieselkalken und Radiolariten
überlagert. Hier belegt ein deutlich detritischer Einfluß mit Quarz, Sandstein- und
Kristallin-Material eine tiefgreifende Erosion des Hinterlandes bereits im Ober-Jura.
Nach dem Modell der neuen Deckengliederung für den Mittelabschnitt der Nördlichen
Kalkalpen nach FRISCH & GAWLICK (2001), das die oberjurassische bis unterkretazische
Orogenese und die laterale tektonische Extrusion rückwickelt, gliedern sich die
Berchtesgadener Kalkalpen wie folgt (Abb. 1): Zum Hoch-Tirolikum mit der auflagernden
Hallstatt Mélange wird der Berchtesgaden Block, das Steinerne Meer, das Hagengebirge
sowie die Trattberg Schwelle, mit dem Kehlstein und dem Untersberg, gezählt. Zum
Tief-Tirolikum wird der Raum NW von Bad Reichenhall, das Gebiet nördlich von Hallein, das
Gebiet zwischen Berchtesgaden Stadt und dem Roßfeld sowie der gesamte Osterhorn Block
gestellt. Die Saalach Zone wird nach derzeitigem Kenntnisstand als eigenständige
tektonische Zone ausgewiesen.
Im Rahmen des FWF-Projektes P 14131-TEC entstanden.
BRAUN, R. (1998): Die Geologie des Hohen Gölls. Torrener-Joch/Zone/Jenner/Hoher Göll
eine durch Kontinent/Kontinent Kollision ausgelöste Gleitdecke in den Tauglbodenschichten
(mittlerer Oberjura) der Berchtesgadener Alpen. - Forschungsbr., 40: 1-192, Nationalpark
Berchtesgaden.
DIERSCHE, V. (1980): Die Radiolarite des Oberjura im Mittelabschnitt der Nördlichen
Kalkalpen. - Geotekt. Forsch., 58: 1-217, Stuttgart.
FRISCH, W & GAWLICK, H.-J. (2001): The tectonic evolution of the Central Northern
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GAWLICK, H.-J. (1996): Die früh-oberjurassischen Brekzien der Strubbergschichten im
Lammertal - Analyse und tektonische Bedeutung (Nördliche Kalkalpen, Österreich). - Mitt.
Geol. Bergbaustud. Österr., 39/40: 119-186, Wien.
GAWLICK, H.-J. (2000): Die Radiolaritbecken in den Nördlichen Kalkalpen (hoher
Mittel-Jura, Ober-Jura). - Mitt. Ges. Geol. Bergbaustud. Österr., 44: 97-156, Wien.
GAWLICK, H.-J., FRISCH, W., VECSEI, A., STEIGER, T. & BÖHM, F. (1999): The change
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GAWLICK, H.-J., SUZUKI, H. & MISSONI, S. (2001): Nachweis von unterliassischen
Beckensedimenten in Hallstätter Fazies (Dürrnberg-Formantion) im Bereich der Hallein -
Berchtesgadener Hallstätter Zone und des Lammer Beckens (Hettangium - Sinemurium). -
Mitt. Ges. Geol. Bergbaustud. Österr., 45: 39-55, Wien.
KOLLMANN, K. (1963): Ostracoden aus der alpinen Trias. II. Weitere Bairdiidae. - Jb. Geol.
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Sonderheft F: 67-81. Wien.
MISSONI, S., SCHLAGINTWEIT, F., SUZUKI, H. & GAWLICK, H.-J. (2001): Die oberjurassiche
Karbonatplattformentwicklung im Bereich der Berchtesgadener Kalkalpen (Deutschland) - eine
Rekonstruktion auf der Basis von Untersuchungen polymikter Brekzienkörper in pelagischen
Kieselsedimenten (Sillenkopf-Formation). - Zbl. Geol. Paläont., Teil I, Heft 1/2:
117-143, Stuttgart.
MISSONI, S., STEIGER, T. & GAWLICK, H.-J. (2001): Das "Gschirrkopffenster"
in den Berchtesgadener Kalkalpen (Deutschland) und seine Interpretation: Neuergebnisse auf
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